Coming Out Day 2024, welcher auch der Startschuss für die Respect!-Kampagne war. Auf dem Bild zu sehen sind: Juliane Schmidt (BE Bunt & SPD); Daniela Eggenstein (Gleichstellungsbeauftragte Stadt Oelde); Ashley Volbracht (TOM*); Charlotte Hund (SKF, Projekt VielfälTIQ*); ThaleaBrune (BE Bunt Beckum e.V.) Sebastian Fuchs (TOM*); Alfons Bunne; Frank Rumpold (CDU); Karin Rodeheger (Bürgermeisterin); Jana Hansjürgen (Landesfachstelle blick*);
Braucht es Coming-Out-Days und sichtbare Zeichen für queere Menschen heute überhaupt noch? Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oelde, Daniela Eggenstein, spricht im Interview über Vorurteile, persönliche Begegnungen, alte Vorstellungen und darüber, warum Sichtbarkeit weiterhin eine Rolle spielt.
Frau Eggenstein, Sie setzen sich als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oelde mit der RESPECT!-Kampagne für mehr Sichtbarkeit queerer Menschen ein. Welche Bedeutung hat die RESPECT!-Kampagne speziell für unsere Stadt, also Oelde sowie allgemein für den ländlichen Raum?
Daniela Eggenstein: "Wir setzen damit ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt. QueereMenschen sind ein akzeptierter Teil der Oelder Gemeinschaft. Der Ipsos-Studie zufolge sind in Deutschland ca. 11% der Menschen queer, das sind statistisch gesehen rund 3.300 Menschen allein in Oelde. Menschen sollen so sein dürfen wie sie sind. Sie sollen in ihrem sozialen Umfeld, auch im ländlichen Bereich, diskriminierungsfrei leben können. Dieser Anspruch basiert auf dem Grundgesetz und dem allgemeinen Anti-Diskriminierungsgesetz."
Was kann ein RESPECT!-Aufkleber an einer Ladentür, einer öffentlichen Einrichtung oder einer Praxis aus Ihrer Sicht tatsächlich bewirken?
Daniela Eggenstein: "Der Aufkleber setzt ein Zeichen, dass queere Menschen dort mit einem diskriminierungsfreien Umgang rechnen können. Dies ist leider keine Selbstverständlichkeit. Die Zahl der polizeilich erfassten Straftaten wie Beleidigung, Volksverhetzung, Nötigung, Bedrohung und körperliche Gewalt gegen queere Menschen nahm in den vergangenen Jahren stark zu. Queere Menschen sollen sich sicher fühlen können und jede Organisation, jedes Unternehmen, etc. das den Respect-Aufkleber anbringt, trägt einen Teil dazu bei."
Begegnen Ihnen auch Vorbehalte gegenüber der Kampagne? Wenn ja: Welche Argumente hören Sie und wie begegnen Sie ihnen?
Daniela Eggenstein: "Ich habe keine negative Rückmeldung zur Kampagne erhalten.
Vor allem Menschen, die in Ihrem Umfeld keinen Kontakt zuqueeren Menschen haben, zeigen aber im Alltag zum Teil Vorurteile, Ängste oder Unverständnis. Information und das Kennenlernen konkreter Personen ist in der Regel der Weg, diese abzubauen. Hin und wieder ist es aber auch die Unsicherheit bezüglich der eigenen sexuellen Orientierung, die dann mit besonders ablehnender Haltung überspielt wird.
Männern die sich zum Beispiel von Homosexualität bedroht fühlen, kann ich nur sagen, dass sie als heterosexuelle Männer auch nicht jede Frau attraktiv finden und das ist bei homosexuellen Männern ebenfalls so. Und selbst wenn ein Mann ihn attraktiv finden sollte, kann er doch „Nein“ sagen, das wird er bei einer Frau, die er unattraktiv findet, doch ebenfalls tun.
Teilweise wird die Behauptung erhoben, dass das Queer-Sein eine Modewelle wäre. Dabei gab es schon immer z.B. homosexuelle Menschen und intersexuell Geborene. Homosexualität war bis 1969 in Deutschland und ist in einigen Ländern noch heute verboten und unter Strafe gestellt, dennoch gab und gibt es dort homosexuelle Menschen, die allerdings ihre Neigung verstecken müssen bzw. mussten. Erst 1990 hat die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für psychische Krankheiten gestrichen. Die eigene Homosexualität als Krankheit dargestellt zu bekommen ist in hohem Maße diskriminierend. 2024 wurde das Transsexuellengesetz durch das Selbstbestimmungsgesetz abgelöst. Früher war ein gerichtliches Verfahren notwendig inklusive psychologischen Gutachten, bei denen das Intimleben offen gelegt wurde. Dies war für Betroffene entwürdigend.
Für einen Menschen kann das Gefühl sehr belastend sein, nicht zu sich selbst stehen zu dürfen; ständig zu versuchen sich anzupassen ohne dass sich dies jemals richtig anfühlt. Gefühle können nicht bewusst gesteuert werden. Eine heterosexuelle Frau z.B. kann sich auch nicht zwingen, sich in einen bestimmten Mann ernsthaft zu verlieben. So funktionieren Gefühle nicht. Was soll an einer Liebe verkehrt sein, die auf gegenseitiger Freiwilligkeit basiert?
Jugendliche und Erwachsene können zudem auf die Rechte aller Menschen in Deutschland hingewiesen werden. Menschen dürfen in Deutschland und bei uns in Oelde unterschiedlich sein.
Nur weil z.B. bekannt wird, dass ein Mitschüler schwul ist, bleibt der genauso gut im Fußball wie vorher und genauso ein wichtiges Teammitglied wie zuvor. Die geschlechtliche Orientierung ist nur ein Teil der Persönlichkeit. Kindern sollten im Rahmen der frühkindlichen Bildung in Kindertagesstätten und Schulen die Grundlagen für ein respektvolles Miteinander vermittelt werden. Von daher freut es mich besonders, dass sich auch Kindertagesstätten und Grundschulen an der Kampagne beteiligen.
Manche Menschen haben Angst, dass queer sein „ansteckend“ sei. Wenn Menschen zu ihrer Sexualität stehen, kann das ein Vorbild für andere sein, die sich das bisher so nicht getraut haben. Aber gespürt haben sie das in sich dann schon vorher. Heterosexuell veranlagte Menschen werden nicht in Frage gestellt. Sie machen den Großteil der Gesellschaft aus. Aber es gibt ihnen nicht das Recht, die 11 % der Gesellschaft, die anders veranlagt sind, zu diskriminieren. Mit etwas Toleranz können alle gut miteinander leben und die Vielfalt sogar als Gewinn erkennen."
Manche Menschen könnten sagen: „Bei uns wird doch niemand ausgeschlossen – warum braucht es dann überhaupt eine solche Kennzeichnung?“ Was würden Sie ihnen antworten?
Daniela Eggenstein: "Es soll gerade keine „Kennzeichnung“ in dem Sinne sein, sondern ist als Symbol gedacht für Offenheit und Respekt; ein Zeichen gegen die Diskriminierung, die viele queereMenschen leider alltäglich erfahren. Die Landesfachstelle blick* hat ein Video dazu erstellt, das ganz ohne Worte Ziel und Wirkweise der Respect!-Kampagne darstellt. Sie finden diese unten auf der Internetseite https://blick-landesfachstelle.de/. Während der Coming-Out-Days wird es auch auf der Homepage der Stadt Oelde gezeigt.
Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung der RESPECT!-Kampagne in Oelde?
Daniela Eggenstein: "Ich bin sehr froh, dass wir in Oelde so viele Stellen gewinnen konnten, die bereit waren sich an der Kampagne zu beteiligen. Zudem gilt mein besonderer Dank Alfons Bunne und Ahsley Volbracht, die mich bei der Umsetzung der Respect!-Kampagne aktiv unterstützt haben und dies auch weiterhin tun. Meine Hoffnung ist, dass der im Video dargestellte Effekt so eintritt und die Kampagne damit dazu beiträgt, dass sich queere Menschen sicherer, wertgeschätzt und respektiert fühlen. Wer Interesse hat sich ebenfalls an derRespect!-Kampagne zu beteiligen, kann sich gern untergleichstellung@oelde.de an mich wenden."


