Es gibt eine Frage in der Filmwelt – ach was, in der gesamten Popkultur –, die mit schöner Regelmäßigkeit an die Oberfläche drängt. In der Post-#metoo-Ära sogar noch erheblich häufiger als früher:
Darf ich das Werk vom Künstler trennen?
Darf ich noch guten Gewissens Filme schauen, die Harvey Weinstein produziert hat, oder das Schauspiel von Kevin Spacey genießen? Was ist mit der Musik von R. Kelly oder der Literatur von J.K. Rowling? Meiner bescheidenen Meinung nach ist die Antwort eindeutig: Klar darf ich! Nur weil Kevin Spacey privat ein Arschloch zu sein scheint, bleibt seine Leistung in Sieben oder Die üblichen Verdächtigen grandios. Ich bekomme das hin. Ich kann das Werk vom Schöpfer trennen.
Aber ich habe ein ganz anderes Problem. Ein Problem, das mich viel öfter um den Kinogenuss bringt.
Vor knapp zwei Wochen saß ich im Kino in „Der Astronaut – Project Hail Mary“. Ein von der Kritik und Publikum gefeiertes Sci-Fi-Spektakel. Gestern Abend dann, zu Hause vor der Leinwand: „The Long Walk – Todesmarsch“. Mein persönlicher Most Wanted Film für 2025. In beiden Fällen überkam mich ein identisches Gefühl: Die Filme wollten einfach nicht zünden.
Dabei sind es, nüchtern betrachtet, gute Filme. Handwerklich weit mehr als solide, gut besetzt. Und doch blieb ich beim Abspann beide Male unbefriedigt zurück. Der Grund? Es gelingt mir zwar problemlos, ein Werk von seinem Künstler zu trennen. Was ich aber einfach nicht schaffe, ist: Ein Werk von seinem Werk zu trennen.
Beide Filme basieren auf Büchern, die ich gelesen habe und großartig fand. Und hier haben wir das große Problem. Project Hail Mary lebt von seiner technischen Akribie, den tiefschürfenden inneren Monologen und einer komplexen Verzahnung von Zeitebenen. Auf dem Papier funktioniert das wie ein Schweizer Uhrwerk. Auf der Leinwand hingegen wirkt diese Struktur oft gehetzt. Dinge passieren einfach, sind einfach da oder werden mit Nebensätzen abgehandelt. Die emotionale Tiefe der wissenschaftlichen Entdeckungen verkommt zum bloßen Plot-Punkt.
Noch schlimmer traf es mich bei Todesmarsch. Stephen Kings Werk ist eine klaustrophobische Studie über Hoffnungslosigkeit, die in einem der trostlosesten offenen Enden der Literaturgeschichte gipfelt. Im Kino wird diese existenzielle Angst oft glattgebügelt, um ein Massenpublikum nicht völlig verstört in die Nacht zu entlassen. Wer das Ende des Buches kennt, der kann diesen Film nicht ernsthaft positiv gegenüber stehen. Ein tagelanges Martyrium verkommt auf der Leinwand zu einem Abarbeiten von Checkpoints, fast wie Level in einem Videospiel. Level 3, es müssen wieder einige sterben. Nächste Szene - nächstes Level.
Beispiel gefällig? Im Film verliert unser Protagonist an einer Stelle seine Schuhe. Das passiert im Buch ebenfalls. Aber im Buch ist diese zusätzliche Qual für den Leser von diesem Moment an permanent präsent; man spürt förmlich jeden scharfkantigen Stein. Der Film hingegen löst es beinahe beiläufig: Schuhe weg – Zitat: „Oh, das macht es nicht besser“. Anschließend scheint das Drehbuch diesen Fakt schlicht vergessen zu haben. Die Konsequenz fehlt. Und genau hier versagt das Medium Film oft: Es zeigt uns das Ereignis, aber es lässt uns den Preis dafür nicht bezahlen.
Natürlich ist mir klar: Man kann 500 Seiten nicht eins zu eins in 120 Minuten pressen. Es muss gestrafft, dramatisiert und angepasst werden. Aber wenn das Herzstück einer Geschichte – bei Hail Mary die intellektuelle Neugier, bei Todesmarsch die unerbittliche Trostlosigkeit – der Schere zum Opfer fällt, stellt sich mir eine radikale Frage:
Welche Daseinsberechtigung haben solche Verfilmungen überhaupt?
Dienen sie nur noch als bebilderte Zusammenfassung für jene, die zu faul zum Lesen sind? Wenn ein Film nur noch die „Best-of“-Momente eines Buches abhakt, verliert er seine Seele als eigenständiges Kunstwerk. Er wird zur Illustration. Wir schauen nicht mehr zu, um eine neue Welt zu entdecken, sondern um unsere inneren Bilder mit denen des Regisseurs abzugleichen – und meistens verlieren die Bilder auf der Leinwand gegen die im Kopf.
Vielleicht ist es an der Zeit, ein Sakrileg auszusprechen: Sollten wir uns nicht viel öfter auf originale Geschichten einlassen?
Ich ertappe mich immer häufiger dabei, wie ich einen mittelmäßigen Film, der auf einer originären Idee basiert, mehr schätze als eine handwerklich überlegene Buchverfilmung. Warum? Weil die originelle Geschichte mich nicht zum ständigen Vergleich zwingt. Sie darf Fehler machen, sie darf Lücken haben – aber sie gehört sich selbst. Ich muss sie nicht gegen die Erinnerung an ein gelesenes Meisterwerk verteidigen.
Eine „gute“ Buchverfilmung ist oft wie ein Cover-Song, der die Töne perfekt trifft, aber das Gefühl des Originals nicht einfangen kann. Vielleicht sollten wir wieder mehr Mut zu den „schlechteren“ Filmen haben, die dafür etwas geschafft haben, was Project Hail Mary und Todesmarsch für mich nicht mehr leisten konnten: Uns vollkommen unvoreingenommen zu überraschen.
Herzlichst Sebastian



