"Denn Pflichtbewusstsein ist das Schlüsselwort! Wenn Sie gedient haben, sorgen Sie für unsere planetarische Sicherheit. Sie schützen die Gemeinschaft!"
Bei heutigen Text handelt es sich ehrlicherweise weniger um eine klassische Filmbesprechung sondern eher um eine analytische Herangehensweise. Das ist mir allerdings erst aufgefallen, als der Text bereits geschrieben war. Ich hoffe es gefällt.
Als Starship Troopers 1997 in die Kinos kam, wurde dieses Werk von Paul Verhoeven von internationalen Kritikern verrissen und war auch finanziell ein absoluter Flop.
Problem Nr. 1: Viele Kritiker verstanden die Satire damals schlichtweg nicht. Sie warfen Verhoeven vor, einen gewaltverherrlichenden, fast schon neonazistischen Film gedreht zu haben. Da Verhoeven die Ästhetik von Leni Riefenstahls Propagandafilm "Triumph des Willens" fast eins zu eins kopierte, ohne ein „Warnschild“ aufzustellen, hielten viele Kritiker den Film für eine tatsächliche Verherrlichung faschistischer Ideale.
Problem Nr. 2: Sony vermarktete den Film als geradlinigen Action-Blockbuster für Teenager (ähnlich wie Independence Day im Vorjahr). Die satirischen Untertöne wurden im Trailer komplett ignoriert.
Erst über die Jahre entwickelte sich dieser großartige Film zu einem absoluten Kultfilm. Das Publikum erkannte, was dieser Film tatsächlich ist: An kaum einem Werk lässt sich Verhoevens satirisches Seziermesser so präzise beobachten wie an Starship Troopers.
Die Fakten: Erscheinungsjahr: 1997, Laufzeit: 131 Min., Genre: Sci-Fi / Action / Satire FSK: 16
Die Story: In einer fernen Zukunft ist die Erde eine geeinte Föderation, in der man sich das Bürgerrecht erst durch den Militärdienst verdienen muss. Wir folgen Johnny Rico, einem jungen, etwas naiven Football-Star, der sich eigentlich nur wegen seiner Freundin Carmen Ibanez einschreibt. Doch als die „Bugs“ – eine insektenartige Alien-Rasse vom Planeten Klendathu – einen Asteroiden auf die Erde lenken und Buenos Aires auslöschen, wird aus dem Abenteuer blutiger Ernst. Rico und seine Freunde ziehen in einen Krieg, den sie nicht verstehen, für ein System, das sie als austauschbares Material betrachtet.
Die Analyse: Wenn man den Film in seine cineastischen Einzelteile zerlegen würde, könnte man sich tatsächlich über diverse Unzulänglichkeiten unterhalten: Die Schauspieler sind aalglatt und sehen alle aus wie eine Karikatur von Barbie und Ken. Die Kameraästhetik gleicht einer billigen Telenovela. Der Film ist zu hell und künstlich ausgeleuchtet. Die Dialoge sind stumpf und haben kaum Tiefgang.
Doch es ist absolut fantastisch, wie Verhoeven all dies ganz bewusst nutzt, um eine satirische Ebene einzuziehen. Jede dieser Schwächen wird genutzt, um die eigentliche Botschaft zu transportieren!
In Starship Troopers gibt es keinen kritischen Off-Kommentar. Die Kamera liebt die faschistische Ästhetik, die strahlenden Gesichter und die heroische Musik.
Der Effekt: Der Zuschauer wird in die Position des Propaganda-Konsumenten versetzt. Die Kritik entsteht nicht im Film, sondern im Kopf des Betrachters, der sich fragen muss: „Warum juble ich hier eigentlich gerade?“
Verhoeven dekonstruiert die Banalisierung von Gewalt. Er zeigt, wie eine Gesellschaft bereits ihre Jüngsten auf Hass und Vernichtung konditioniert. Die Interaktivität („Wollen Sie mehr wissen?“) parodiert den modernen Medienkonsum: Information wird zum Häppchen-Entertainment, das nur dazu dient, die ideologische Linie zu festigen.
Die visuelle Falle: Die Uniformen des militärischen Geheimdienstes sind fast eins zu eins den Uniformen der SS nachempfunden. In einem klassischen Hollywood-Film wären das die Bösewichte – bei Verhoeven sind es die „Helden“. Indem er die sympathischen Hauptfiguren in diese Optik steckt, zwingt er das Publikum in eine moralische Falle: Wir ertappen uns dabei, wie wir für eine Fraktion jubeln, deren visuelle Sprache eindeutig totalitär ist. Er entlarvt damit, wie leicht Ästhetik über Moral triumphieren kann.
Casper Van Dien (Rico), Denise Richards (Carmen) und Dina Meyer (Dizzy) sehen aus, als kämen sie direkt aus einer kalifornischen Teenager-Serie wie Beverly Hills, 90210. Sie sind makellos, fast künstlich schön. Verhoeven nutzt dieses Image, um die Austauschbarkeit der Soldaten zu zeigen. In der Ideologie der Föderation ist das Individuum nichts, der Körper nur Material für den Staat. Wenn diese „perfekten“ Menschen im Kampf zerfetzt werden, entsteht ein grotesker Bruch: Die saubere Werbewelt trifft auf die blutige Realität des Krieges.
Gewalt als notwendiges Stilmittel: Man muss es klar sagen: Die Gewalt in diesem Film ist extrem und explizit. Körper werden zerfetzt, Gliedmaßen abgetrennt und Menschen bei lebendigem Leib ausgesaugt oder verbrannt. Doch dieser Aspekt ist absolut sinnvoll. Wir sehen die unglaubliche Diskrepanz zwischen der schönen, glänzenden Propaganda-Welt und der tatsächlichen Brutalität des Krieges. Die Gewalt ist so brutal, dass sie die hohlen Phrasen der Rekrutierungsvideos sofort als Lüge entlarvt.
Der „Brain Bug“ und die Empathie: Die Darstellung der Bugs ist der Schlüssel zur Kriegssatire. In einer Szene wird ein gefangener „Brain Bug“ von den Soldaten umringt. Carl Jenkins legt seine Hand auf die Kreatur und verkündet unter dem Jubel der Menge: „Es hat Angst!“
In jedem anderen Sci-Fi-Film wäre das ein Moment des Mitleids oder des Verstehens. Hier ist es ein Moment des Triumphs über die Schwäche des Feindes. Verhoeven zeigt, wie Empathie im Faschismus umgedreht wird: Dass der Feind leidet, wird nicht als Grund zum Innehalten, sondern als Beweis für die eigene Überlegenheit gefeiert. Die Bugs sind nur deshalb „Insekten“, weil man sie so leichter und ohne schlechtes Gewissen ausrotten kann.
Fazit: Verhoeven setzt die Satire in Starship Troopers wie einen Spiegel ein. Er sagt nicht: „Das ist schlecht.“ Er sagt: „Schau her, so sieht das aus, wenn man es zu Ende denkt. Gefällt dir, was du siehst?“ Der Film nutzt die Ästhetik faschistoider Propaganda, um den Militarismus ad absurdum zu führen. Meisterhaft!
Ein wahrlich großer Film von einem großen Filmemacher, der mit den „richtigen“ Augen geschaut werden muss.
Herzlichst, Sebastian



