The Lost Bus

Geschrieben am 19.01.2026
von Sebastian

"Ich habe einen Bus verloren" - Ruby Bishop


Es gibt Regisseure, bei denen ich sofort weiß, was mich erwartet. Paul Greengrass ist so einer. Sobald die Kamera anfängt leicht zu wackeln, Schnitte eher aus dem Bauchgefühl kommen und ich das Gefühl habe, mitten im Geschehen zu stehen, ist klar: Das wird kein entspannter Abend auf der Couch. Und ganz ehrlich? Genau deshalb schaue ich mir seine Filme immer wieder an. The Lost Bus passt da perfekt ins Bild. Das ist kein Film zum Zurücklehnen, das ist Kino, das dich packt und nicht mehr loslässt.

Ich musste beim Schauen immer wieder an United 93 denken. Dieser Film, der einen nicht emotional erdrücken will, sondern einen einfach reinwirft und sagt: „So war das.“ The Lost Bus funktioniert ganz ähnlich. Greengrass erklärt nicht viel, er bereitet nichts bequem auf. Er schmeißt dich mitten ins Chaos – und lässt dich dort erstmal stehen. Orientierung? Fehlanzeige. Sicherheit? Schon gar nicht.

Die Fakten: Erscheinungsjahr 2025, Genre: Katastrophenfilm, Laufzeit 129 min, FSK 12

Die Story: Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen während der verheerenden Waldbrände in Kalifornien 2018. Ein Schulbus mit Kindern an Bord gerät in ein Feuerinferno, Kommunikationswege brechen zusammen, Straßen sind blockiert, der Rauch nimmt jede Sicht.

Klingt nach großem Katastrophenkino, ist aber das genaue Gegenteil. Hier gibt es keine spektakulären Heldenmomente, keine dramatischen Zeitlupen. Greengrass interessiert sich für Menschen, die in einer absoluten Ausnahmesituation plötzlich Verantwortung tragen – ohne vorbereitet zu sein.

Der Inszenierungsstil ist dabei wieder hundert Prozent Greengrass. Die Kamera klebt an den Figuren, ist ständig in Bewegung, manchmal fast zu nah. Dialoge sind kurz, hektisch, oft abgebrochen. Informationen kommen stückweise, manchmal zu spät, manchmal gar nicht. Als Zuschauer weiß man oft genauso wenig wie die Figuren selbst – und das ist genau der Punkt. The Lost Bus erzeugt Spannung nicht durch Musik oder Effekte, sondern durch Unsicherheit. Dieses ständige Gefühl: „Das kann hier jeden Moment kippen.“

Besonders stark fand ich, wie das Feuer dargestellt wird. Es ist selten ein großes, klares Bild. Meist ist es Rauch, ein orangefarbener Himmel, Funksprüche, die im Nichts enden. Das Feuer ist immer da, aber nie richtig greifbar. Genau das macht es so bedrohlich. Diese Unsichtbarkeit fühlt sich unangenehm real an und sorgt dafür, dass man innerlich permanent unter Strom steht.

Matthew McConaughey spielt angenehm zurückgenommen. Kein Starvehikel, kein großes Drama, kein Pathos. Er ist einfach da, trifft Entscheidungen, zweifelt, macht weiter. Das passt perfekt zum Ton des Films. The Lost Bus will keine Helden feiern. Es geht um Verantwortung, um das Gewicht von Entscheidungen und darum, wie schnell alles außer Kontrolle geraten kann. Die Kinder im Bus sind dabei ständig präsent, ohne dass der Film emotional manipulativ wird – was ich ihm hoch anrechne.

Natürlich: Man muss diesen Stil mögen. Greengrass ist nichts für Menschen, die klare Bilder, ruhige Kamera und klassische Dramaturgie erwarten. Die Unruhe, der harte Schnitt, das permanente Gefühl von Stress – das kann auch anstrengend sein. Aber hier ist das kein Selbstzweck. Es gehört zum Konzept. Der Film will, dass du dich verloren fühlst. Und das funktioniert erschreckend gut.

The Lost Bus ist kein Film für einen gemütlichen Abend. Er ist fordernd, nervös und teilweise schwer auszuhalten. Aber genau deshalb bleibt er hängen. Paul Greengrass beweist einmal mehr, dass Spannung nicht aus Explosionen entsteht, sondern aus Nähe, Chaos und dem Wissen, dass die Realität manchmal schlimmer ist als jede Fiktion.

Kein Wohlfühlkino. Aber ein intensives Stück Film. Und eines, das man so schnell nicht vergisst.