"Die erste Nacht... hörst du ihn. Die zweite Nacht... siehst du ihn. In der dritten Nacht... findet er dich. Er windet sich in dich hinein und verdrängt dich wie eine Krankheit. Seine Botschaft ist ansteckend."
Es gibt Horrorfilme, die sofort wissen, was sie sein wollen. Und es gibt solche, die sich erst langsam entfalten, dabei mehrmals die Richtung wechseln und einen als Zuschauer bewusst ein bisschen alleinlassen. The Empty Man gehört ganz klar zur zweiten Sorte.
Das ist kein Film, der dich an die Hand nimmt. Eher einer, der dich irgendwo absetzt, kurz nickt – und dann schaut, wie du klarkommst.
Was mich an The Empty Man von Anfang an gepackt hat, ist dieses Gefühl von Größe. Nicht im Blockbuster-Sinne, sondern im thematischen. Der Film denkt weiter, größer, düsterer als das, was man bei einer vermeintlichen Urban-Legend-Geschichte erwarten würde. Und ja – das hat mich unweigerlich an Hereditary (wie sehr ich den liebe kann hier nachgelesen werden) erinnert. Nicht, weil beide Filme gleich sind, sondern weil sie eine ähnliche Haltung teilen: Geduld, Konsequenz und das Vertrauen darauf, dass echter Horror aus Atmosphäre entsteht, nicht aus Lautstärke.
Die Fakten: Erscheinungsjahr: 2020, Genre: Mystery / Horror / Thriller, Laufzeit: ca. 137 Minuten, FSK 16
Die Story: Der Film eröffnet mit einem ausgedehnten Prolog in den verschneiten Bergen Bhutans – und der allein fühlt sich bereits wie ein eigener Kurzfilm an. Fremde Architektur, alte Rituale, etwas, das besser nicht gefunden worden wäre. Schon hier wird klar: Das hier ist kein schneller Einstieg, sondern ein bewusstes Setzen der Stimmung.
Danach verlagert sich die Handlung in die USA. James Lasombra, ein ehemaliger Polizist, wird in den mysteriösen Tod eines Mädchens hineingezogen. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer modernen Legende: dem Empty Man.
Ein Name, ein Ritual, ein Versprechen. Und bald wird deutlich, dass hinter diesem Mythos weit mehr steckt als ein Teenager-Gruselspiel.
Sekten, philosophische Ideen, Identitätsfragen und Realitätsebenen beginnen sich zu überlagern. Der Film zieht die Schlinge langsam zu – nicht durch Tempo, sondern durch Verdichtung.
Was The Empty Man wirklich auszeichnet, ist seine Stimmung. Der Film fühlt sich leer an – im besten, gewollten Sinne. Räume wirken unbewohnt, Menschen isoliert, Gespräche distanziert. Selbst Massenszenen haben etwas Unwirkliches, fast Tranceartiges. Die Kamera bleibt ruhig, beobachtend, manchmal fast teilnahmslos.
Hier liegt eine große Nähe zu Hereditary. Beide Filme nehmen sich Zeit. Beide bauen Horror über Trauer, Sinnverlust und das Gefühl auf, dass etwas Größeres im Hintergrund wirkt – etwas, das längst entschieden hat, während die Figuren noch glauben, sie hätten Kontrolle.
Auch akustisch ist der Film stark. Tiefes Dröhnen, kaum klassische Musik, viele Geräusche, die man eher fühlt als hört. The Empty Man ist kein Film, der erschrecken will – er will das du dich unbehaglich fühlst.
Man muss ehrlich sein: The Empty Man ist nicht immer rund. Er ist lang. Er ist stellenweise verkopft. Und er verlangt Geduld. Gerade im letzten Drittel wird viel erklärt, manches vielleicht zu direkt, wo Andeutung stärker gewesen wäre. Im Vergleich dazu ist Hereditary klarer, strenger, vielleicht auch eleganter in seiner Dramaturgie. Dort greift jedes Rädchen perfekt ins andere. The Empty Man hingegen erlaubt sich Umwege, Gedankensprünge und narrative Brüche.
Aber genau darin liegt auch sein Reiz. Dieser Film will nicht gefällig sein. Er will Ideen verhandeln. Er will irritieren. Und er nimmt in Kauf, dass nicht jeder diesen Weg mitgeht.
James Badge Dale spielt seine Hauptfigur bewusst zurückgenommen. Er ist kein klassischer Held, eher ein Beobachter – was thematisch passt, emotional aber etwas Distanz schafft. Auch das ist Geschmackssache.
The Empty Man bleibt im Kopf, weil er größer denkt als seine Oberfläche. Er ist kein Film über ein Monster, sondern über Sinnsuche, Leere und die Frage, wie leicht Menschen sich an etwas klammern, das ihnen Bedeutung verspricht.
So wie Hereditary nicht „nur“ ein Dämonenfilm ist, sondern ein Film über Familie und Verlust, ist The Empty Man kein Urban-Legend-Horror, sondern eine Meditation über Identität und Selbstauflösung.
Das funktioniert nicht immer perfekt – aber es funktioniert oft genug, um Eindruck zu hinterlassen.
The Empty Man ist ein sperriger, ambitionierter Horrorfilm mit großer Atmosphäre und echten Ideen. Er erreicht nicht die erzählerische Perfektion von Hereditary, teilt aber dessen Ernsthaftigkeit und dessen Vertrauen in die Wirkung von Stimmung und Geduld.
Kein Film für einen lockeren Abend.
Aber ein Film für alle, die Horror mögen, der sich Zeit nimmt, Raum lässt – und auf dem man noch länger "rumdenken" wird.
Und manchmal ist genau das die Art von Kino, die am längsten bleibt.
Herzlichst, Sebastian



