"The hesitation in your voice, soon to be an echo in the recess in the spheres of retail." - Miss Luckmoore
Bevor wir uns alle endgültig in Plätzchen, Marzipan und viel zu viel Familienprogramm verabschieden, möchte ich euch noch einen wirklich außergewöhnlichen Film ans Herz legen. Einen von der Sorte, bei der man nach fünf Minuten merkt: „Okay… das ist nichts für den Durchschnittszuschauer.“
Und genau deswegen passt er perfekt in die Leinwand Lounge!
Also lehnt euch kurz zurück, macht das dritte Kerzchen an, und lasst mich euch von einem Film erzählen, in dem ein rotes Kleid mehr Persönlichkeit hat als manche Hauptfiguren moderner Blockbuster.
Die Rede ist von In Fabric.
Die Fakten: Erscheinungsjahr 2018, Genre: Horror / Schwarze Komödie / Surrealismus, Laufzeit: 118min, FSK: 16
Die Story: Der Film erzählt in zwei miteinander verschränkten Episoden die Reise eines roten Kleides, das – ich übertreibe wirklich nicht – verflucht ist.
Es beginnt bei Sheila, einer einsamen Frau, die nach einer Trennung versucht, wieder zurück ins Leben zu finden. Sie kauft das Kleid in einem Kaufhaus, das aussieht, als würde es nachts lebendig werden. Die Verkäuferinnen sprechen wie Hexen in einem Modekult. Die Schaufensterpuppen wirken… zu lebendig. Und Sheila merkt schnell: Dieses Kleid verändert Dinge. Aber nicht zum Guten.
Nach der Hälfte des Films wandert das Kleid weiter — neuer Besitzer, neuer Albtraum. Und egal, wer es trägt: Das Kleid hat Hunger. Und es ist wählerisch.
Ich glaube, In Fabric gehört zu den seltenen Filmen, die man eher erlebt als versteht. Alles wirkt merkwürdig verschoben: die Art, wie gesprochen wird, die Art, wie sich Menschen im Kaufhaus bewegen, die Musik, das Licht.
Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, ich schaue einem modischen Fiebertraum zu — und das ist ein Kompliment.
Peter Strickland, der vorher schon mit The Duke of Burgundy bewiesen hat, dass er für ungewöhnliche Bild- und Klangwelten eine ganz eigene Handschrift hat, baut hier ein psychodelisches Mode-Horror-Gebilde, das irgendwo zwischen italienischem Giallo, britischem Humor und Konsumkritik hängt.
Die Szenen im Kaufhaus sind legendär: Die Verkäuferinnen, die ihre Kunden mit okkulten Floskeln überreden.
Die Nachtschichten, in denen das Personal Rituale durchführt, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder sich unwohl fühlen soll.
Die Schaufensterpuppen, die wirken, als würden sie nur warten, bis man die Augen schließt.
Und durch all das gleitet dieses Kleid. Bedrohlich, elegant, wunderschön und absolut tödlich.
Was In Fabric so besonders macht, ist seine völlige Weigerung, irgendeiner Konvention zu folgen. Der Film ist Horror, aber nicht gruselig im klassischen Sinne.
Er ist komisch, aber nicht im Hollywood-Sinne.
Er ist melancholisch, ohne jemals dramatisch werden zu wollen.
Er ist… seltsam.
Aber auf eine sehr gute Art seltsam.
Die surreale Atmosphäre zieht einen unweigerlich rein. Die Farben sind satt, die Kamera wirkt wie aus den 70ern, die Musik klingt nach alten italienischen Horror-Soundtracks — und dann kommt plötzlich eine Szene, die so absurd ist, dass man laut lachen könnte.
Und im nächsten Moment ist einem wieder unwohl. Ein Film wie ein Pendel zwischen Humor, Horror und Kunst.
Natürlich ist In Fabric kein klassischer Weihnachtsfilm.
Hier gibt’s keine Heiligabend-Stimmung, keine Familie unterm Baum, keine glitzernde Schneelandschaft.
Aber es ist ein Film, der zeigt, wie herrlich verrückt Kino sein kann, wenn man es lässt.
Einer, der auffällt zwischen all den Standardproduktionen.
Und einer, der viel mehr Atmosphäre und Fantasie hat, als es ein Film über ein „böses Kleid“ eigentlich haben dürfte.
Wer Lust auf etwas Außergewöhnliches hat, etwas, das man nicht so schnell wieder vergisst, der sollte In Fabric unbedingt eine Chance geben.
Vielleicht nicht Heiligabend – aber vielleicht am 27., wenn man die Weihnachtsfilme nicht mehr sehen kann.
Herzlichst, Sebastian



