Fit, aktiv – und plötzlich unsicher

Geschrieben am 29.07.2026
von Sylvia von der Reaktion Oelder Schaufenster

Es ist zu einer schönen Tradition geworden: Unsere kleine Familie fährt jedes Jahr gemeinsam mit meinen Eltern in den Skiurlaub. Während mein Mann und eines der Kinder sich nie so recht für DEN Wintersport begeistern konnten und den Urlaub lieber mit Spaziergängen, Ausflügen und gutem Essen genießen, zieht es das andere Kind gemeinsam mit mir sowie Oma und Opa auf die Piste. Die Oma mit inzwischen 75 Jahren, der Opa mit 80 – beide noch immer erstaunlich fit auf den Brettern. Bis zu diesem Jahr. Schon im Vorfeld hörte ich immer wieder die Gedanken meiner Mutter. Schweren Herzens, aber ganz bewusst, hat sie ihre Skikarriere beendet. Nicht, weil sie körperlich nicht mehr könnte. Im Gegenteil. Die Frau steckt mich sportlich mit links in die Tasche. Wobei ... gut, das ist jetzt vielleicht auch keine allzu große Kunst. Lassen wir das.

Der eigentliche Grund war ein anderer: die Angst vor einem Sturz. In ihrem Freundeskreis gab es in den vergangenen Jahren einige dieser vermeintlich kleinen Unfälle mit großen Folgen. Eine übersehene Stufe – zack, Arm gebrochen. Eine ungünstig erwischte Bordsteinkante – und der berühmt-berüchtigte Oberschenkelhalsbruch ließ grüßen. Wochenlange Einschränkungen, Operationen, Reha, Unsicherheit im Alltag. Und plötzlich stellte sich die Frage: Was passiert, wenn ich beim Skifahren stürze? Nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Aber irgendwann? Natürlich kann man sich sein Leben nicht von Ängsten bestimmen lassen. Trotzdem hat meine Mutter eine Entscheidung getroffen: Sie hört auf, solange sie den Sport noch genießen kann und nicht erst dann, wenn eine Verletzung sie dazu zwingt.

 



Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie groß das Thema Stürze im Alter eigentlich ist. Denn oft denkt man dabei an Gebrechlichkeit oder Pflegebedürftigkeit. Tatsächlich betrifft es aber auch Menschen, die aktiv, mobil und mitten im Leben stehen. Schätzungen zufolge stürzt etwa jeder dritte Mensch über 65 Jahre mindestens einmal pro Jahr. Und das Problem ist nicht nur der Sturz selbst. Oft beginnt danach ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist. Wer einmal gestürzt ist, wird vorsichtiger. Wer vorsichtiger wird, bewegt sich weniger. Wer sich weniger bewegt, verliert Muskelkraft und Gleichgewicht. Und damit steigt wiederum das Risiko für den nächsten Sturz.

Besonders tückisch sind dabei die Dinge, die man jeden Tag sieht und deshalb längst nicht mehr wahrnimmt. Der Teppich, der sich an einer Ecke leicht hochrollt. Das Kabel hinter dem Fernseher. Die Kiste im Flur, die „nur kurz“ dort stehen sollte und inzwischen ihren festen Wohnsitz gefunden hat. Oder der Hocker, auf den man seit 20 Jahren steigt, um an das oberste Regal zu kommen. Dazu kommen körperliche Veränderungen, die sich oft schleichend entwickeln. Die Augen werden etwas schlechter, das Gleichgewicht lässt nach, das Aufstehen dauert einen Moment länger. Manchmal spielen auch Medikamente, Schwindel oder Kreislaufprobleme eine Rolle.

Die gute Nachricht: Man kann erstaunlich viel tun. Bewegung ist und bleibt die beste Sturzprävention. Nicht Hochleistungssport, sondern regelmäßige Bewegung. Spazierengehen, Radfahren, Gymnastik, Seniorensport oder spezielle Sturzpräventionskurse helfen dabei, Muskeln und Gleichgewicht zu erhalten. Denn genau diese beiden Faktoren entscheiden häufig darüber, ob man ins Stolpern gerät – und ob man sich im entscheidenden Moment noch abfangen kann. Ebenso lohnt sich ein kritischer Blick durch die eigene Wohnung. Wo könnte man hängen bleiben? Wo fehlt Licht? Ist der Badvorleger wirklich rutschfest? Wäre ein Handlauf oder Haltegriff sinnvoll? Oft sind es Kleinigkeiten, die einen großen Unterschied machen.

Meine Mutter wird übrigens auch ohne Skier nicht auf dem Sofa versauern. Dafür kenne ich sie viel zu gut. Wahrscheinlich läuft sie weiterhin mehr Schritte am Tag als ich. Aber ihre Entscheidung zeigt etwas Wichtiges: Sturzprävention beginnt nicht erst nach einem Unfall. Sie beginnt lange vorher – wenn man noch fit genug ist, etwas dafür zu tun. Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk, das man sich selbst machen kann: möglichst lange aktiv, mobil und unabhängig zu bleiben.

 


Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden oder Unwohlsein wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.