Ich habe so ein Kind. Eines dieser Kinder, die scheinbar immer auf der Suche nach der nächsten Beschäftigung sind. Kaum ist eine Aktivität vorbei, kommt die nächste Idee. Kaum ist man zu Hause, soll ein Freund angerufen werden. Kaum ist der Freund wieder weg, möchte man selbst losziehen und irgendwo klingeln.
Und wenn gerade wirklich nichts ansteht? Dann kommt zuverlässig der Satz: „Mama, mir ist langweilig!“
Manchmal begleitet von tiefem Seufzen. Manchmal von dramatischem Herumliegen auf dem Sofa. Manchmal im Minutentakt wiederholt, als hätte sich die Situation in den letzten 30 Sekunden grundlegend verändert. Oft frage ich mich dann, ob das eigentlich normal ist. Müsste ein Kind sich nicht auch mal alleine beschäftigen können? Muss wirklich ständig etwas los sein? Und vor allem: Sollte ich jetzt eine Lösung präsentieren oder die Langeweile einfach aushalten?
Mit diesen Fragen bin ich offenbar nicht allein. Viele Eltern erleben heute Kinder, die Schwierigkeiten haben, Leerlauf auszuhalten. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt. Tatsächlich wachsen Kinder heute in einer Welt auf, die voller Reize steckt. Schule, Sport, Vereine, Freunde, Handy, Tablet, Fernsehen, Streamingdienste – irgendwo passiert immer etwas. Unser Gehirn gewöhnt sich an diese Reize. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Wenn dann plötzlich Ruhe einkehrt, fühlt sich das zunächst ungewohnt an.
Es ist übrigens nicht so, als würden Kinder solche Entscheidungen kommentarlos akzeptieren. Zumindest nicht meines. „Wir bleiben jetzt erst einmal zu Hause. Du kannst später zu deinen Freunden gehen.“ Was folgt, ist keine kurze Nachfrage. Es ist eine Debatte. Mit Eröffnungsstatement, Gegenargumenten, Nachfragen, alternativen Vorschlägen und einer Hartnäckigkeit, die jede Fernsehtalkshow neidisch machen würde. Warum jetzt nicht? Was spricht dagegen? Warum erst später? Was genau passiert in der Zwischenzeit? Und wäre es nicht viel sinnvoller, sofort loszugehen, damit man später mehr Zeit für andere Dinge hat?
Manchmal bewundere ich die rhetorischen Fähigkeiten. Manchmal wünsche ich mir einfach nur einen Ausschaltknopf.
Trotzdem bleibe ich inzwischen häufiger bei meiner Entscheidung. Nicht, weil ich meinem Kind die Freunde nicht gönne. Ganz im Gegenteil. Sondern weil ich glaube, dass Kinder auch lernen dürfen, dass nicht jeder Impuls sofort umgesetzt werden muss.
Und genau hier wird es interessant. Denn Fachleute sehen Langeweile keineswegs als etwas Schlechtes. Im Gegenteil: Sie gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu. Wenn Kinder nicht sofort ein Programm, einen Bildschirm oder die nächste Verabredung vor die Nase gesetzt bekommen, muss das Gehirn selbst aktiv werden. Es entwickelt Ideen, wird kreativ, verarbeitet Erlebnisse und sucht eigene Lösungen. Genau deshalb entstehen viele gute Einfälle nicht während eines durchgetakteten Tages, sondern in den vermeintlich langweiligen Momenten dazwischen.
Langeweile trainiert außerdem wichtige Fähigkeiten, die Kinder ihr ganzes Leben brauchen werden: Geduld, Frustrationstoleranz, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, sich auch einmal ohne Hilfe von außen zu beschäftigen. Das funktioniert allerdings selten sofort.
Wer schon einmal ein jammerndes Kind auf dem Sofa sitzen hatte, weiß: Die Phase zwischen „Mir ist langweilig“ und „Ich habe etwas gefunden“ kann sich erstaunlich lang anfühlen. Und genau dort liegt die eigentliche Herausforderung. Nicht für das Kind. Für uns Eltern. Denn natürlich wäre es einfacher, direkt einen Vorschlag zu machen. Oder einen Ausflug. Oder die Erlaubnis, sofort zum nächsten Freund zu laufen. Vielleicht auch die Oma anzurufen und zu fragen, ob sie spontan schwimmen fährt.
Aber müssen wir das wirklich? Nein. Kinder dürfen durchaus lernen, dass nicht jede freie Minute verplant ist. Dass man nicht sofort zur nächsten Aktivität springen muss. Und dass Langeweile kein Zustand ist, vor dem man fliehen muss. Das bedeutet übrigens nicht, dass Kinder künftig den ganzen Nachmittag still in ihrem Zimmer sitzen sollen. Freunde treffen, draußen spielen und Abenteuer erleben sind wichtig. Genauso wichtig ist aber die Erfahrung, dass man nicht ständig bespaßt wird.
Interessanterweise entstehen viele der schönsten Spielideen genau dann, wenn Eltern eben keine Lösung liefern. Nach einer Phase des Motzens werden plötzlich Legosteine hervorgeholt, Höhlen gebaut, Rollenspiele erfunden oder der Garten in einen Dschungel verwandelt. Aus einem gelangweilten Kind wird plötzlich ein Forscher, Baumeister, Künstler oder Abenteurer. Langeweile ist oft nur die Brücke dorthin.
Natürlich gibt es Kinder, die dauerhaft sehr unruhig wirken, sich kaum konzentrieren können oder auch bei selbst gewählten Aktivitäten keine Ausdauer entwickeln. Wenn solche Verhaltensweisen sehr ausgeprägt sind und den Alltag belasten, kann ein Gespräch mit dem Kinderarzt sinnvoll sein. In den meisten Fällen steckt jedoch keine Erkrankung dahinter, sondern schlicht die Tatsache, dass unsere Welt heute deutlich mehr Reize bietet als noch vor einigen Jahrzehnten.
Vielleicht müssen wir Eltern deshalb gar nicht jede Langeweile sofort lösen.
Vielleicht dürfen wir sie einfach einmal aushalten. Und falls Du gerade beim Lesen von einem Kind unterbrochen wirst, das zum zwölften Mal erklärt, wie unfassbar langweilig dieser Tag ist: Bleib stark. Vermutlich hält Dein Kind die Langeweile aus. Und die anschließende Diskussionsrunde darüber, warum es trotzdem sofort zu seinen Freunden gehen sollte, wahrscheinlich auch.





