Lesbisch, schwul, bisexuell, asexuell, trans* oder queer: Hinter den Begriffen stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Manche wissen früh, wer sie sind. Andere brauchen Jahre, bis sie Worte dafür finden. Und für manche beginnt der schwierigste Schritt erst dann: anderen davon zu erzählen.
„Queer“ ist ein Begriff, der viele unterschiedliche Menschen zusammenfasst. Es geht dabei um sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität – also beispielsweise darum, wen ein Mensch liebt oder welchem Geschlecht er sich zugehörig fühlt.
Doch ein Begriff allein erzählt noch wenig über einen Menschen.
Wie unterschiedlich die persönlichen Wege sein können, zeigt die Wanderausstellung „Feldwege zum Coming-out“ der Landesfachstelle blick*. Zwölf queere Menschen aus dem ländlichen Raum erzählen darin von ihrem Leben, ihren Coming-outs, Erfahrungen und Wünschen.
Marco beschreibt einen Moment, den vermutlich viele Menschen auf ihrem eigenen Weg kennen: „Damals hatte ich noch keine richtige Sprache dafür.“
Genau darin liegt ein wichtiger Teil des Themas. Bevor ein Mensch anderen sagen kann, dass er lesbisch, schwul, bi, trans*, asexuell oder queer ist, muss er häufig zunächst selbst verstehen, was er empfindet und wer er ist.
Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität sind nicht dasselbe
Wenn von queeren Menschen gesprochen wird, werden unterschiedliche Dinge zusammengefasst.
Lesbische Frauen lieben Frauen, schwule Männer lieben Männer. Bisexuelle Menschen können sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen. Asexuelle Menschen empfinden keine oder wenig sexuelle Anziehung.
Davon zu unterscheiden ist die geschlechtliche Identität. Bei trans* Menschen stimmt das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit der eigenen geschlechtlichen Identität überein.
Der Begriff queer kann darüber hinaus als Sammelbegriff dienen. Gleichzeitig können Menschen ihn für sich selbst als Bezeichnung ihrer eigenen Identität verwenden.
Was all diese Begriffe verbindet: Sie beschreiben jeweils nur einen Teil eines Menschen. Persönlichkeit, Familie, Freundschaften, Beruf, Interessen, Wünsche und Träume verschwinden nicht hinter einer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.
Betonen die Relevanz von Aufklärung und wahren Geschichten für mehr Akzeptanz und Toleranz in der Gesellschaft: Ashley Vollbracht (Stammtisch unterm Regenbogen), Bürgermeisterin Karin Rodeheger, Alfons Bunne (Stammtisch unterm Regenbogen) und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oelde Daniela Eggenstein.
Coming-out beginnt oft bei einem selbst
Auch das Coming-out ist nicht unbedingt der eine große Moment, in dem jemand Familie oder Freunden etwas mitteilt. Die Landesfachstelle blick* unterscheidet zwischen einem inneren und einem äußeren Coming-out. Beim inneren Coming-out erkennt ein Mensch zunächst für sich selbst, dass er beispielsweise lesbisch, schwul, bi, trans* oder queer ist. Beim äußeren Coming-out erzählt er erstmals einer anderen Person davon.
Dazwischen können Wochen, Monate oder Jahre liegen.
Gerade deshalb können Worte wichtig sein. Sie können helfen, etwas einzuordnen, das ein Mensch längst empfindet, aber noch nicht benennen kann.
Pia sagt: „Es heißt wirklich nicht, dass man alleine ist. Freundschaft ist so viel wert.“
Das Interview mit Pia hört ihr hier: https://blick-landesfachstelle.de/ausstellung/11-2/
Miliano beschreibt sein Erleben mit einem kurzen Satz: „Der Weg fühlt sich manchmal so allein an.“
Das Interview mit Milano hört ihr hier: https://blick-landesfachstelle.de/ausstellung/7-2/
Beide Aussagen zeigen, wie entscheidend das Umfeld sein kann. Ein Coming-out betrifft zwar die eigene Identität. Die Reaktion von Freunden, Familie, Mitschülern, Kolleginnen oder anderen Menschen kann jedoch beeinflussen, wie dieser Weg erlebt wird.
Auf dem Land kann der Weg länger sein
Die Ausstellung trägt nicht zufällig den Namen „Feldwege zum Coming-out“. Die Landesfachstelle blick* richtet den Blick gezielt auf Menschen im ländlichen Raum. Dort gibt es häufig weniger offen queer lebende Menschen. Damit fehlen mitunter sichtbare Vorbilder. Auch Beratungsstellen und andere Hilfsangebote sind nicht überall unmittelbar erreichbar.
Der Weg zu sich selbst kann dadurch, wie blick* es beschreibt, einem Feldweg ähneln: mit Kurven, Stolpersteinen, aber auch schönen Erlebnissen. Das bedeutet nicht, dass jede queere Person auf dem Land dieselben Erfahrungen macht. Die zwölf Porträts der Ausstellung zeigen gerade das Gegenteil: Es gibt nicht die eine queere Lebensgeschichte.
„Ich kann einfach mehr ich selbst sein“
Coming-out bedeutet deshalb auch nicht nur, anderen Menschen etwas über die eigene Sexualität oder geschlechtliche Identität mitzuteilen. Es kann darum gehen, nicht länger eine Rolle spielen zu müssen.
Victoria beschreibt in der Ausstellung, wie belastend das für sie war: „Ich dachte, ich kann mit diesem Hass nicht leben. Ich muss weiter meine Rolle spielen.“ Yeliz beschreibt dagegen, was sich verändern kann, wenn diese Rolle nicht mehr notwendig ist: „Ja, ich glaube, ich kann einfach mehr ich selbst sein.“
Vielleicht lässt sich kaum einfacher erklären, warum ein Coming-out für einen Menschen so viel bedeuten kann.
Queer ist ein Sammelbegriff. Lesbisch, schwul, bisexuell, asexuell oder trans* sind Bezeichnungen. Doch dahinter stehen keine Definitionen, sondern Menschen: mit Familien und Freunden, mit Unsicherheiten und Hoffnungen und mit ganz eigenen Wegen zu sich selbst.





