„Ich sehe sie. Sie ist glücklich.“ – Heather
Manchmal schleppt man Filme jahrelang als eine Art „Hausaufgabe“ mit sich herum. Man kennt das ikonische Poster, man kennt die Legenden rund um die Dreharbeiten und natürlich weiß man, dass dieses Werk in jedem anständigen Filmlexikon unter den Top 100 steht.
Und trotzdem habe ich es bis gestern Abend geschafft, einen Bogen darum zu machen. Vielleicht, weil ich Respekt vor der Schwere des Stoffes hatte, vielleicht war es auch einfach nie der richtige Moment. Gestern Abend aber gab es keine Ausreden mehr. Ich habe mich endlich nach Venedig begeben – und was ich dort erlebt habe, lässt mich auch heute, viele Stunden später, nicht wirklich los. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn ein Klassiker seinem Ruf nicht nur gerecht wird, sondern dich völlig unvorbereitet doch noch eiskalt erwischt.
Die Fakten: Erscheinungsjahr: 1973, Laufzeit: 110 Minuten, Genre: Drama / Horror, FSK: 16
Die Story: Nach dem unfassbaren Verlust ihrer kleinen Tochter, die im heimischen Garten ertrunken ist, versuchen John und Laura Baxter, in Venedig wieder Boden unter die Füße zu bekommen. John arbeitet dort an der Restaurierung einer alten Kirche, während Laura sichtlich mit ihrer Trauer kämpft. Doch das Venedig, das wir hier sehen, hat nichts mit Postkarten-Idylle zu tun. Es ist ein kaltes, labyrintisches Grab aus Stein und Wasser. Als die beiden auf zwei seltsame Schwestern treffen, von denen eine behauptet, Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter zu haben, gerät das mühsam aufrechterhaltene emotionale Gleichgewicht der Baxters aus den Fugen. Während Laura in der Hoffnung auf eine Verbindung zu ihrem Kind Trost findet, wehrt sich John mit aller Kraft gegen das Übernatürliche – bis er selbst eine kleine, rot gekleidete Gestalt in den dunklen Gassen sieht, die ihn an seine Tochter erinnert.
Was diesen Film so tief in die Magengrube fahren lässt, ist seine alles durchdringende Atmosphäre. Venedig wird hier nicht als Ort der Romantik inszeniert, sondern als ein morbider, sterbender Organismus. Es ist Winter, die Touristen sind weg, und was bleibt, sind graue Nebelschleier, abblätternder Putz und das unaufhörliche, fast bedrohliche Glucksen des Wassers in den Kanälen. Man spürt förmlich die Feuchtigkeit, die in die Kleidung und in die Seelen der Protagonisten kriecht. Alles wirkt wie ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt. Nicolas Roeg fängt eine Einsamkeit ein, die so dicht ist, dass man beim Zuschauen fast das Atmen vergisst. Es ist diese ganz spezielle Art von Grusel, die nicht aus dem Dunkeln springt, sondern die sich langsam als bleiernes Gefühl von Unheil über alles legt.
Die Regiearbeit von Nicolas Roeg ist dabei nichts weniger als eine Offenbarung, selbst nach über 50 Jahren. Roeg, der ursprünglich Kameramann war, nutzt eine Schnitttechnik, die ihrer Zeit weit voraus war und mich gestern Abend völlig fasziniert hat. Er arbeitet mit assoziativen Montagen – er verknüpft Farben, besonders dieses stechende Rot, und kurze, blitzartige Rückblenden oder Vorahnungen so geschickt, dass die lineare Zeit völlig aufgehoben scheint. Die berühmte Sexszene ist das beste Beispiel: Durch das ständige Zwischenschneiden des späteren Ankleidens wird der Akt der Intimität gleichzeitig zu einem Akt der Abschiednahme. Das ist kein billiger Effekt, das ist psychologische Präzisionsarbeit. Roeg zwingt uns, die Welt durch Johns Augen zu sehen – einen Mann, der verzweifelt versucht, logisch zu bleiben, während die Regie uns visuell längst klarmacht, dass die Logik in diesen Gassen keine Macht mehr hat. Und das Finale? Ich wusste, was passiert, und trotzdem ist es einer der verstörendsten Momente, die ich je auf Zelluloid gesehen habe. Ein Film wie ein schleichendes Gift: leise, unaufhaltsam und am Ende absolut tödlich.
Anschließend möchte ich noch eine eigentlich unbedeutende und total nebensächliche Tatsache hervorheben: Der deutsche Titel ist herausragend gewählt. Oftmals sind deutsche Filmtitel irgendwo zwischen unpassend und peinlich einzuordnen -vor allem den 70er und 80er Jahren- aber nichts hätte ein passenderes Bild zeichnen können als " Wenn die Gondeln Trauer tragen"!
Falls auch ihr diesen Klassiker des Gruselfilms noch nicht gesehen habt, so wie ich bis gestern Abend, dann schaut ihn unbedingt. Ein großer Film und völlig zu Recht ein Meilenstein der Filmgeschichte. Aber achtet auf eure Stimmung.
Herzlichst Sebastian