Lee Jong-su: „Für mich ist die Welt ein Rätsel.“
Heute möchte ich euch ein wahrlich beeindruckendes Werk vorstellen. Einen Film, welcher von nicht wenigen Kritikern als der beste Film der vergangenen Dekande bezeichnet wird. Jeder der hier ab und zu mal reinliest, wird sicherlich festgestellt haben, dass ich das südkoreanische Kino (oder eigentlich besser die Art wie dort Geschichten erzählt werden) wirklich großartig finde. Dies ist einer der besten Belege für diese Faszination.
Burning ist ein Meisterwerk, bei dem man nach dem Abspann erstmal sitzen bleibt und sich fragt, was da gerade eigentlich passiert ist. Und warum einen das alles so unruhig zurücklässt. Es ist ein Film, der sich wie ein schleichendes Fieber in deinem System ausbreitet. Wenn ihr mich fragt, was modernes Kino leisten kann, wenn es sich Zeit nimmt und dem Zuschauer vertraut, dann landen wir unweigerlich bei diesem Werk.
Lee Chang-dongs Burning ist kein Thriller im klassischen Sinne, auch wenn er sich stellenweise genau so anfühlt. Es ist eher ein Film über Leere. Über Beobachtung. Über dieses unangenehme Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne dass man es jemals eindeutig greifen kann. Und genau darin liegt seine große Stärke.
Die Fakten: Erscheinungsjahr: 2018, Laufzeit: 148 Minuten, Genre: Thriller, FSK: 16
Die Story: Jong-su ist ein schüchterner junger Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und davon träumt, Schriftsteller zu werden. Eines Tages trifft er Hae-mi wieder, eine alte Schulkameradin. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, schwer greifbare Verbindung. Doch als Hae-mi von einer Reise aus Afrika zurückkehrt, bringt sie einen Begleiter mit: Ben. Ben ist alles, was Jong-su nicht ist – wohlhabend, charismatisch, weltgewandt und völlig undurchsichtig. Ein moderner Gatsby im heutigen Seoul. Die Dynamik zwischen den dreien verschiebt sich ins Unbehagliche. Als Ben Jong-su eines Abends sein bizarres Hobby gesteht – er brennt in regelmäßigen Abständen leerstehende Gewächshäuser nieder –, beginnt für Jong-su eine obsessive Suche nach der Wahrheit. Hae-mi verschwindet plötzlich spurlos, und die Grenze zwischen Paranoia und Realität beginnt sich aufzulösen.
Die Atmosphäre in „Burning“ ist schlichtweg atemberaubend. Der Film lässt sich Zeit, fast zweieinhalb Stunden, und nutzt jede Sekunde, um eine Spannung aufzubauen, die kaum auszuhalten ist. Es ist diese Art von Stille, in der man jedes Knistern im Unterholz hört. Seoul und die ländliche Grenzregion zu Nordkorea werden hier zu Schauplätzen einer tiefen sozialen Kluft. Auf der einen Seite die Armut und die dumpfe Hoffnungslosigkeit von Jong-su, auf der anderen der glatte, fast klinische Luxus von Ben. Es liegt permanent ein Dunst über den Bildern, eine Ungewissheit, die einen zweifeln lässt: Ist Hae-mi wirklich weg? Gibt es die Katze in ihrer Wohnung überhaupt? Lee Chang-dong erschafft eine Welt der Schatten, in der nichts greifbar ist und alles eine doppelte Bedeutung haben könnte. Das Licht der blauen Stunde, die langen Schatten auf dem Feld – das ist visuelle Poesie, die einen tief in diese melancholische, fast hypnotische Stimmung zieht.
Die Regiearbeit von Lee Chang-dong ist pure Magie in Sachen Zurückhaltung. Er verweigert uns die einfachen Antworten, die wir vom westlichen Thriller gewohnt sind. Er inszeniert „Burning“ als ein psychologisches Puzzle, bei dem am Ende vielleicht sogar ein paar Teile fehlen – und genau das macht den Film so brillant. Die Kamera bleibt oft lange auf den Gesichtern der Darsteller, besonders auf Steven Yeun, der Ben mit einer beängstigenden, höflichen Kälte spielt. Lee Chang-dong führt uns an der Nase herum, er sät Zweifel und nutzt Metaphern (wie das Hungern nach dem Sinn des Lebens), die weit über die eigentliche Handlung hinausgehen. Es ist eine Regie, die den Raum zwischen den Zeilen inszeniert. Wenn am Ende alles in einer harten, fast archaischen Konsequenz gipfelt, wird einem klar: Das hier war nie ein klassischer Krimi. Es ist eine Studie über Einsamkeit, Eifersucht und die brennende Wut einer vergessenen Generation.
Auch thematisch ist Burning unglaublich reich. Es geht um Klassenunterschiede, um soziale Unsichtbarkeit, um männliche Kränkung und unterdrückte Wut. Jong-su steht für eine Generation ohne klare Zukunft, während Ben wie ein Symbol für eine Welt wirkt, die sich alles nehmen kann, ohne Konsequenzen zu spüren. Diese Spannung liegt in jeder gemeinsamen Szene – leise, aber messerscharf.
Steven Yeun ist dabei eine Offenbarung. Seine Figur ist charmant, höflich, fast schon zu glatt. Man weiß nie, was hinter diesem Lächeln steckt – oder ob da überhaupt etwas steckt. Yoo Ah-in als Jong-su spielt grandios zurückgenommen. Viel passiert in seinem Gesicht, in seinem Schweigen. Und Jeon Jong-seo verleiht Hae-mi eine Zerbrechlichkeit, die gleichzeitig echt und schwer greifbar ist.
Burning ist kein Film, der sich aufdrängt. Er fordert Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, mit Ungewissheit zu leben. Wer klare Auflösungen erwartet, wird frustriert sein. Wer sich aber auf diese schwelende, langsame Erzählweise einlässt, bekommt einen Film, der sich tief eingräbt.
Am Ende ist Burning weniger eine Geschichte als ein Gefühl. Ein leises Brennen, das sich langsam ausbreitet. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Manche Wahrheiten zeigen sich nicht in Antworten, sondern in dem, was sie in uns auslösen.
Kein leichter Film.
Aber ein verdammt intensiver.
Herzlichst Sebastian